OPA-KOLUMNE

«Du bist zwar nett, aber...»


Eifersucht ist eine Sucht, die mit Eifer sucht, was Leidenschaft. Immerhin gehen Kinder ganz offen damit um.

Eifersucht schnürt uns die Luft ab, raubt uns den Verstand und macht manche sogar rasend. Nur ganz Coole haben die «kleine Schwester der Treue», wie die Eifersucht auch geheissen wird, im Griff.

Alle andern leiden unter Verlustängsten, Misstrauen, unter einem ramponierten Ego. Sagen zumindest die Psychologen. Für diese Mehrheit halten sie 1001 Tipps parat, wie sie dieses Makel überwinden und damit bessere Menschen werden können.

Dabei bleiben selbst Tiere von Eifersüchteleien nicht verschont, wie Forscher an der Universität San Diego in Kalifornien unlängst bewiesen haben. Sie liessen die Besitzer von Hunden mit Stofftieren spielen, die Bellos mussten ihnen dabei zusehen.

Fast alle reagierten gleich: Kaum liess Frauchen oder Herrchen das Spielzeug gut sichtbar mit dem Schwanz wedeln, schon stellten sie allerlei Schabernack an, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Diese Analogie liesse sich prima auf menschliche Paare übertragen, aber das lassen ich jetzt sein.

Schliesslich schreibe ich eine Opa- und keine Sex-Kolumne. Kinder halten es mit der Eifersucht gleich wie die Hündchen. Sie zeigen das Gefühl ohne jegliche Scham. Denn ihre Gefühle sind purer als 24 Karat Gold, Verstand und Moral verdecken oder verdrehen sie noch nicht wie jene der Erwachsenen.

Das kann zu urkomischen und nicht ganz unkomplizierten Situationen führen. Und verlangt Grossvätern grösstmögliche Diplomatie ab - schliesslich wollen wir gerecht sein und keinen der Enkel bevorzugen, auch wenn unser Herz für manche einen Tick schneller schlägt.

Nehmen wir Nora (5), sie macht aus ihrer Eifersucht keinen Hehl. Sie hasst es, wenn ich ihren Bruder Bela (2) herze - und versucht erst gar nicht, ihre Missgunst zu verstecken. Spurtet der Kleine beispielsweise mit offenen Armen auf mich zu, hechtet sie ihm in den Weg.

Oder auf meinen Schoss, um sich derart breit zu machen, dass für andere Kinderbeine garantiert kein Platz bleibt. Letzthin versuchte Mama Nicole vermittelnd einzugreifen und erklärte Nora mit viel Sinn für Pädagogik: "Schau, du hast doch Bela schüüli gärn. Und freust dich, wenn es ihm gut geht. Und Bela geht es geht es super, wenn er auch bei Roli sein darf." - "Äbe", sagte Nora und schaute Bela auf meinen Knien grimmig an.

Letzthin brachte ich Nora zu Bett, und wie alle Kinder, muss auch sie vor dem Einschlafen dringliche und wichtige Dinge ihres Lebens besprechen. Also sagte sie: "Roli, ich muss dir etwas sagen, aber du darfst nicht traurig sein. Du bist zwar nett, aber Opa (gemeint ist mein Partner Thomas) habe ich ein ganz bisschen lieber als dich, er ist mein Lieblings-Opa." - "Das freut mich", antwortete ich, "es ist doch wunderbar, wenn man jemanden ganz besonders lieb haben kann. Alles gut also."

Nora lächelte zufrieden und schob zum Trost hinterher: "Dafür bist du der bessere Koch." Immerhin. Unsere Liebe geht durch den Magen - also kein Grund zur Eifersucht.

"Alter schützt vor Liebe nicht - aber Liebe vor dem Alter", sagte einst Coco Chanel. Roland Grüter (57), zählt die Liebe zu seinen vier Enkeln mit dazu. Er ist freischaffender Journalist, Mitinhaber des Start-ups Chefredaktion GmbH mit Sitz in Zürich und lebt mit seinem Partner in einer wilden Patchworkfamile. Seine Opa-Kolumne erscheint zwei Mal monatlich.


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