ARBEIT

Darum sind 50plus die besseren Chefs

Ihm wird das Lachen vergehen: 50plus sind ihm an Erfahrung überlegen.

Nach dem Winterkorn-Rücktritt hat VW mit Matthias Müller einen neuen Chef. Der steht schon im siebten Lebensjahrzehnt. Wie gross ist die Belastbarkeit im Alter? Sind Chefs ab 65 Jahre zu alt, um eine herausragende Position auszufüllen? Ein Mediziner nennt auf «focus.de» Antworten.

Sind Führungskräfte im fortgeschrittenen Alter noch in der Lage, ihren beruflichen Anforderungen gerecht zu werden? Aus Sicht der Inneren Medizin fällt die Antwort leicht: Die meisten Top-Manager pflegen inzwischen einen Lebensstil, der die körperliche Alterung weit nach hinten schiebt.

Sport, wenig Alkohol, kein Rauchen, bewusstes Essen mit dem Verzicht auf zu viel Fleisch und ausreichend Schlaf sind die Komponenten, die eine grosse Mehrzahl der Führungskräfte beherzigt.

Dies hat auch eine breit angelegte Studie der Max-Grundig Klinik mit der Personalberatung Heidrick & Struggles belegt. Die deutschen Managerinnen und Manager sind ausgesprochen gesund, gesünder beispielsweise als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wer keinen Altersknick etwa durch eine Herz-Kreislauferkrankung, Diabetes oder Krebs durchleben muss, ist körperlich im Alter zwischen 60 und 70 Jahren noch in der Lage, einen herausfordernden Job zu bewältigen.

Für dieses Phänomen ist der Slogan „70 ist das neue 60“ durchaus passend. Die Leistungsfähigkeit eines gut trainierten 70jährigen kann einem untrainierten 30jährigen entsprechen. Doch wie sieht die mentale Seite aus? Sind Führungskräfte über 60 Jahre geistig noch frisch genug, Innovationen zu begreifen und durchzusetzen und auch dem grundsätzlichen Druck in Chefetagen stand zu halten?

Zunächst eine Beobachtung aus meinen vielfältigen Kontakten zu Führungskräften im Rahmen meiner Tätigkeit. Bei sehr vielen älteren Managern ist der starke Wille zu spüren, auch im Alter jenseits der 65 noch „an Bord“ zu bleiben. Das war nicht immer so. Vor zwanzig Jahren galten Führungskräfte ab 60 als Auslaufmodelle. Der Trend geht inzwischen eindeutig dahin, dass auch seitens der Unternehmen älteren Führungskräften zugetraut wird, schwierige Jobs zu bewältigen.

Zudem gewinne ich den Eindruck, dass viele ältere Führungskräfte sehr gut in der Lage sind, gerade mit Stress umzugehen. Ob und wie man Druck empfindet, ist ja bekanntlich eine sehr individuelle Sache. Bei vielen Leuten aus der Wirtschaft kommen mit der Erfahrung die Komponenten Gelassenheit und Übersicht hinzu. Persönliche Rückschläge werden im Alter mit mehr Souveränität gemeistert. In einer Geschäftswelt, deren Märkte zunehmend durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität gekennzeichnet sind, können gerade erfahrene Männer und Frauen dem Unternehmen helfen, Kurs zu halten.

Gut zu dem Thema, wie alt Führungskräfte sein dürfen, um noch ausreichend leistungsfähig zu sein, passen die Erkenntnisse des britischen Management-Vordenkers Andrew Kakabadse. Er untersuchte weltweit die Zusammensetzung von Boards und stellte fest, dass gerade in Aufsichtsfunktionen Seniorität ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist. Wir sollten uns also von der Vorstellung verabschieden, dass im aktiven Management eine obere Altersgrenze Sinn macht.

Noch mehr gilt das für Aufsichts- und Beiräte. Gerade in diesen Gremien, deren Mitglieder befreit sind von operativen Aufgaben, können ältere Kontrolleure enorm wertvoll sein. Viele Unternehmer wie Dirk Rossmann, Günther Fielmann oder Michael Otto, die niemand wegen ihres Alters „nach Hause schicken“ kann, beweisen bis weit über 70 ihre Fähigkeit, erfolgreich an der Spitze stehen zu können. Alters-Schablonen helfen also nicht bei der Beurteilung von Führungskräften.

Eine Einschränkung möchte ich allerdings machen: Es gibt Unternehmen und Geschäftsmodelle, die stark von neuesten Technologien getrieben werden, etwa im digitalen Bereich. Ein Vorstandsvorsitzender bei Google  oder Facebook von über 65 Jahren macht natürlich keinen Sinn.

Aber in weiten Bereichen der Wirtschaft sollten wir uns daran gewöhnen, dass auch über 65jährige Schlüsselpositionen besetzen werden. Dies entspricht nicht nur einem gesellschaftlichen Trend. Denn Top-Managerinnen und Manager sind in den meisten Fällen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch dafür präpariert.