FREERIDE TRANSALP

Lawinengefahr auf der Alpensüdseite

Im Aufstieg Richtung Engadin. Bild: Julian Bückers.

Lassen sich die Alpen von Italien bis an die Grenze Bayerns mit Freeride-Skis und Fellen auf dem direkten Weg überqueren? Vier Bergführer und 13 Skifans haben das Abenteuer auf Einladung der Firmengruppe MDV (Marker, Dalbello, Völkl) gewagt. Etappe 1: Livigno nach Zuoz.

Bei der Anreise stellen sich viele von uns eine Frage: Ist die Nervosität grösser oder die Vorfreude? Am Montagabend Mitte März treffen die Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Polen, Finnland und der Schweiz zur Lagebesprechung im Hotel Nevada in Livigno ein.

Sie alle vereint die Liebe zu Schnee, Bergen und Abenteuer. Die Bergführer müssen die Euphorie ein wenig bremsen. Die Lawinensituation auf der Alpensüdseite ist mit der zweithöchsten Gefahrenstufe kritisch.

In Livigno musste das Tal gesperrt werden, nachdem eine Lawine bis auf den Talboden heruntergedonnert war und einen Abschnitt der Langlaufloipe verschüttet hatte. Sie diskutieren eine neue Routenwahl für das Experiment Süd-Nord-Überquerung der Alpen.

Der Weg soll auf dem direktesten Weg durch Italien, die Schweiz und Österreich bis nach Bayern führen. Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist klar: möglichst viele stiebende Abfahrten im Pulverschnee bei Sonnenschein und blauem Himmel.

Dienstag: Von der Lombardei ins Engadin

Der Wettergott liebt uns. Viel besser als angekündigt präsentiert sich der Himmel über Livigno. Die Carosello-3000-Bahn bringt uns die ersten paar hundert Höhenmeter Richtung Engadin.

Es hat frisch geschneit, die ersten Abfahrten fühlen sich watteleicht an. Die für den März ungewöhnlich tiefen Temperaturen lassen die Schneekristalle tanzen. Die Bergführer haben eine weniger lawinengefährdete Route gewählt, die auf den Bergrücken verläuft, mehr als 30 Grad steile Hänge wollen sie meiden.

Den Anstieg mit den superleichten Kingpin-Bindungen und den Tourenschuhen der neusten Generation nehmen wir in drei Gruppen in Angriff, mit 50 bis 100 Metern Abstand zwischen den Tourengängern, falls sich doch ein Schneebrett lösen sollte.

Was nun folgt, geht als "Spitzkehrenmassaker" in die Geschichte dieser Etappe ein. In steile Passagen gewinnt man mit einem Zickzack-Kurs schnell an Höhe. Dafür werden die Skis jeweils um 180 Grad gedreht.

Eine halbartistische Übung, die Koordination und einen kühlen Kopf erfordert, wenn der Steilhang ein paar hundert Meter abfällt. Eine elegante Ausführung spart Kraft und Nerven. Die Bergführer coachen gut. Südlich des Monte Cotschen, auf fast 3000 Metern, überqueren wir die italienisch-schweizerische Grenze ins Engadin.

Die Weitsicht über das Gipfelmeer ist atemberaubend, der eisige Wind auch. Die Abfahrt ins Val Chamuera ist so steil wie schön, zwischen Legföhren und Arven hindurch. Das Tal ist wild und rau, hier tanzt nicht der Bär, aber wir erwarten hinter jeder Wegbiegung einen zu sehen.

Auf dem Talboden angekommen, fällt der Weg auf den ersten Kilometern leider nicht mehr ab. Die Felle kommen wieder an die Skis, bis das Ziel Chamues-ch erreicht ist. Der Bus des Hotels Castell fährt uns die wenigen Kilometer nach Zuoz.

 

Zahlen zur Freeride Transalp Etappe:

Livigno nach Zuoz
Strecke: 23 km
Dauer: 5:38 Std.
Aufstieg: 1587 m
Abstieg: 1758 m