EVELINE HALL

«Ein Leben ohne Intimität ist befreiend»

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Gefragtes Model: Eveline Hall (68).

Eveline Hall ist 68 und verzichtet als Model auf Botox oder Schönheitsoperationen. Gerade deswegen ist sie international erfolgreich. Ein Gespräch über Jugendwahn, reifere Frauen mit jüngeren Männern, ihr neues Buch und die Vorzüge der körperlichen Enthaltsamkeit. Ein Interview von Franziska K. Müller in der "Weltwoche".

Frau Hall, Sie sehen nicht nur wunderschön, sondern auch interessant und etwas exzentrisch aus...
Danke für das hübsche Kompliment. Ich muss mir ja sonst allerlei Plattheiten anhören und mag es gar nicht, wenn man mir sagt, ich sähe jünger aus.

Jetzt sind Sie etwas kokett, nicht wahr?
Dieses Lob bedeutet mir wirklich nichts, weil es nicht stimmt. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich eine gutaussehende Frau, die keinen Tag jünger aussieht und ganz wichtig: auch nicht jünger aussehen will. Vom Jugendwahn halte ich nichts. Es ist ein Diktat, dem sich die Frauen unterziehen - und das, ohne dass sich ihre Zufriedenheit merkbar verändert. Im Gegenteil: Was man will und nicht erhält, prägt sich negativ in den Gesichtszügen ein.

Sie haben leicht reden: In einem Alter, in dem andere Frauen sich die Haare färben oder auf Botox schwören, jetten Sie als Model durch die Welt und arbeiten mit berühmten Fotografen und Modemachern zusammen. Ohne Schönheit und die Traummasse 84-60-90 wäre die späte Karriere doch kaum möglich gewesen?
Das stimmt. Ich nehme für mich aber auch in Anspruch, dass ich eine Form der weiblichen Schönheit im Alter neu definiert habe. Bis anhin brachte man ältere Frauen, die modeln, mit Stereotypen in Verbindung: mit der Häuslichkeit und der Gemütlichkeit oder mit dem Übergewicht, den Falten und den gesundheitlichen Problemen. Von einer selbstsicheren und attraktiven Alten wollten am Anfang die wenigsten Kunden etwas wissen. Für viele Werbeaufträge werde ich auch heute nicht gebucht. Darauf bin ich sogar ein wenig stolz: Mein Aussehen - ebenso wie jenes vieler anderer gleichaltriger Frauen - passt weder zu einer Rheumadecke noch zu einer neuen Kuchen-Fertigmischung.

Sie tragen schliesslich Kleidergrösse 36 bei einer Grösse von 1,74 Meter und machen auch gerne mal einen Spagat.
Die Arbeit beim Ballett und am Theater war eine gute Voraussetzung, um fit ins Alter zu gehen, vor allem aber bestreite ich seit vierzig Jahren ein tägliches Training von 45 Minuten, dem ich den schlanken, noch immer muskulösen Körper, den jugendlichen Gang und die aufrechte Haltung verdanke. Sie reisen viel, arbeiten mit anspruchsvollen Fotografen und Models, die Ihre Enkelinnen sein könnten.

Gibt es auch Momente, in denen Sie sich nach einem Schaukelstuhl sehnen?
Zuerst fragten sie mich noch frech, ob ich mich mal hinsetzen oder eine Tasse Tee wolle. Heute wissen sie, dass meine Kondition und die Beweglichkeit sehr gut sind. Die Jungen vergessen mein Alter einfach, das ist mein schönster Sieg.

Finden Sie sich heute eigentlich schöner als mit fünfundzwanzig?
Eindeutig. Wenn man jung ist, dann ist die Schönheit selbstverständlich. Man trägt das Aussehen vor sich hin. Auch ich wollte dem Ideal entsprechen, färbte meine Haare blond, trug viel Make-up, Miniröcke und hohe Absätze und machte sogar Diäten. Heute trage ich die Haare grau, schminke mich nur dezent, kleide mich klassisch. Ich erlaubte mir den Luxus, eine natürliche Schönheit zu werden, und als solche fühle ich mich freier und jugendlicher, aber auch individueller als zuvor.

Was halten Sie von der Beauty-Industrie?
Ich merke vor allem, dass ich aus einer anderen Generation stamme. Aber natürlich fallen mir auch die Slogans auf, die Puppenaugen, Puppenhaut und Puppenlippen versprechen oder ein jugendliches, faltenfreies Aussehen. Die Hollywoodstars sind die Vorbilder, an denen sich heute alle jungen Mädchen orientieren. Natürlich leidet das Selbstwertgefühl zwangsläufig, aber auch unnötigerweise, wenn man sich an unerreichbaren Idealen misst. Die Gleichmacherei geht über die Kosmetikindustrie und das Jugendalter hinaus. Eine aufgespritzte Lippe ist identisch mit tausend anderen, weil die Technik die Form bestimmt, und dies gilt auch für andere minimale Interventionen der Chirurgie. So verlieren die Frauen ein Stück weit ihre optische Identität. Das finde ich schade.

Der deutsche Moderator Markus Lanz sagte über Sie: "Eveline ist eine Zumutung für all die 'Gebotoxten' und 'Gefacelifteten'. Für alle anderen ist sie ein Segen." Sehen Sie es auch so?
Nicht unbedingt. Immerhin unterziehen sich Millionen von Frauen solchen Interventionen. Man müsste sich vielleicht eher fragen, warum sich so viele von ihrem Gesicht verabschieden zugunsten einer eigenartigen Jugendlichkeit, die man ihnen sowieso nicht mehr abnimmt.

Haben Sie eine Erklärung?
Auch weil viele Frauen auf kleinste Schönheitsfehler fixiert sind und diese ab vierzig immer mit dem Alter in Verbindung bringen, ebenso wie andere Kalamitäten des Lebens. Teure Kosmetika und medizinische Beauty-Interventionen sind meiner Meinung nach eher eine Symptombekämpfung. Sie deuten auch die Furcht vor einer ungewissen Zukunft an.

Eveline Hall, 68, geboren in Hamburg, ist eine klassisch ausgebildete Balletttänzerin. Sie ging als Showgirl nach Las Vegas, wo sie einen Cherokee-Indianer heiratete. Nach der Scheidung verliebte sie sich in einen Spitzenkoch und lebte in Südfrankreich. 2001 kehrte sie mittellos nach Hamburg zurück, wo sie eine späte Karriere als Model startete. Kürzlich hat sie ihre Erinnerungen in "Ich steig aus und mach 'ne eigene Show" bei Eden Books veröffentlicht.

 

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