Ist E-Bike fahren gesünder als Fahrrad fahren?

Wer sich regelmässig moderat bewegt, kann seine Alterung bremsen. Mediziner wollen herausfinden, was Fahren auf einem E-Bike für die Gesundheit bringt.
Ist E-Bike fahren gesünder als Fahrrad fahren?
Es muss ja nicht gleich so wild sein – Hauptsache, Sie sind mit dem Fahrrad unterwegs (Foto: Simon Connellan on Unsplash)

Bewegung ist gesund, das ist bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche. Dazu zählen Spazierengehen, Gartenarbeit oder auch Radfahren. Aber wie schnell muss man in die Pedale treten, damit das Training auch wirkt? Und gilt das eigentlich auch fürs Fahren auf einem E-Bike?

Hier hakt Uwe Tegtbur ein, Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). In einer Untersuchung wollen er und sein Team herausfinden, wie gross die körperliche Anstrengung beim Fahren mit und ohne Motor ist und wie stark der Trainingseffekt vom E-Bike zum Fahrrad variiert. Die Studie wird vom Bundesverkehrsministerium aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 gefördert.

Schon die Ergebnisse von Tegtburs erster Pedelec-Radfahrer-Vergleichsstudie sind vielversprechend. 2016 fuhren 101 Probandinnen und Probanden zwei Wochen mit einem E-Bike und zwei Wochen mit einem normalen Fahrrad; Dauer und Intensität ihrer Fahrten zeichneten sie über eine Smartphone-App auf.

Erstaunlich für den Mediziner war die Herzfrequenz der Teilnehmer: "Sie lag bei den E-Bike-Fahrten nur etwa zehn Schläge unter der der Fahrradfahrten." Seine Vermutung: Die Fahrer wählten einen Unterstützungsmodus, der ihnen das Fahren erleichterte, aber sie immer noch forderte. So hatten sie eine Herzfrequenz, die sich positiv auf ihr Herz-Kreislauf-System auswirkte.

Stressresistenter dank Radfahren

"Im Ruhezustand pumpt das Herz pro Minute etwa fünf Liter Blut durch die Adern. Das entspricht etwa einem Drittel Wasserglas pro Herzschlag", erklärt Tegtbur. Steige der Puls von 70 auf 110 an, pumpe das Herz in 60 Sekunden etwa zwölf Liter durch die gleichen Blutgefässe. "110 ist immer noch eine moderate Belastung", sagt der Wissenschaftler. Aber der gewünschte Effekt sei aus medizinischer Sicht bereits gut.

Denn während das Herz schneller pumpt, setzen die sogenannten Endothelzellen in den Blutgefässen Stickstoffmonoxid (NO) frei. Das sorgt dafür, dass sich die Gefässwände entspannen und erweitern. Folglich wird mehr Blut durch die Gefässe gelassen und der Blutdruck sinkt.

Um diesen Effekt zu erreichen, genügen bereits 20 Minuten Radfahren pro Tag. Wer 60 Minuten mit dem Rad unterwegs ist, steigert den Effekt. Dann ist der Blutdruck selbst 24 Stunden später und auch noch in der folgenden Nacht niedriger.

"Das ist ein super Nutzen", sagt Tegtbur. "Den fühlen Sie auch im Kopf, weil sie entspannter und stressresistenter sind und über den Tag weniger Adrenalin ausstossen." Darum empfiehlt der Mediziner für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit, morgens und abends mit dem Rad zu fahren.

In der ersten Pedelec-Studie – der bislang grössten – hat Tegtbur festgestellt, dass die Fahrer mit den E-Bikes 60 Prozent mehr gefahren sind als mit dem Rad ohne Motor, beispielsweise weil sie das Pedelec für die Fahrt zur Arbeit nutzten. "Der Alltag ist unsere grösste Ressource, um die Vorgabe der WHO zu erfüllen", sagt der Forscher.

Radfahren kann biologisches Alter um 15 Jahre reduzieren

Das zeigt auch eine weitere Studie an der MHH: Die Idee war, unsportliche Mitarbeiter der Hochschule dazu zu bringen, sich täglich zu bewegen. 400 Männer und Frauen meldeten sich freiwillig. Sie hatten die Aufgabe, sich ein halbes Jahr lang werktags durchschnittlich 30 Minuten zu bewegen.

Das Angebot an der MHH war vielfältig und reichte von Schwimmen bis zu Training im Kraftraum. Tatsächlich hat aber gut ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Weg zur Arbeit modifiziert: Statt Auto, Bus oder Bahn zu nutzen, fuhren sie mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Das Ergebnis der Studie: Die, die sich vorher nicht bewegt haben, kamen nun im Schnitt auf 207 Minuten körperliche Aktivität pro Woche, also knapp dreieinhalb Stunden. Das klingt wenig, aber das Ergebnis ist frappierend: Nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit hat bei den Studienteilnehmern zugenommen, auch ihre Zellen haben sich verjüngt.

Dafür untersuchten die Wissenschaftler bei den neuen Freizeitsportlern die Länge der Chromosomen-Enden (Telomere) der weissen Blutzellen und stellten fest, dass diese in den sechs Monaten deutlich gewachsen sind, obwohl das Training moderat war.

Das ist ungewöhnlich, denn in der Regel verkürzen sich die Telomere bei jeder Zellteilung. Das ist ein natürlicher Vorgang, die Folge ist eine Alterung der Zellen und des gesamten Organismus. Für die Wissenschaftler sind die gewachsenen Telomere daher ein Hinweis darauf, dass sich die Zellen verjüngt haben.

Selbst moderates Radfahren sorgt dafür, dass sich das biologische Alter reduziert. Als am Ende der Studie die Teilnehmer untersucht wurden, stellte sich heraus, dass die "Verjüngung" bis zu 15 Jahre betragen kann.

Was Tegtbur besonders freut: Etwa drei Viertel der Studienteilnehmer sind nach dem Abschluss der Studie weiterhin aktiv geblieben und treiben jetzt im gleichen Umfang Sport wie zur Zeit der Untersuchung. Diese Verhaltensänderung ist auch für Arbeitgeber interessant: Eine Begleiterscheinung der Studie war, dass der Krankenstand der Trainingsteilnehmer um mehr als 40 Prozent zurückging.

Das ist für eine alternde Gesellschaft und eine älter werdende Belegschaft in Unternehmen eine wichtige Erkenntnis.


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