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Das Comeback der Alten auf dem Arbeitsmarkt

50plus gehören noch lange nicht zum alten Eisen.

50plus gehören noch lange nicht zum alten Eisen.

Für Unternehmen wird es immer wichtiger, nicht nur junge Mitarbeiter mit Potenzial zu rekrutieren, sondern auch ältere Einsteiger mit wertvollen Erfahrungen. Es kommt allerdings auf die Branche an, schreibt Harald Czycholl auf «Welt.de».

Am Anfang stand ein Wunsch: "Meine persönliche Berufsplanung war an einem Punkt angekommen, an dem ich als Selbstständiger am Ende meiner Möglichkeiten angekommen war", sagt Stefan Ruppe. "Ich wollte die grossen Projekte machen." Mehr als zwei Jahrzehnte war der 55-Jährige sein eigener Chef und arbeitete als selbstständiger Unternehmensberater.

Dann packte er eine Gelegenheit am Schopf, die sich durch einen Zufall ergeben hatte: Bei der Unternehmensberatung Accenture arbeitete der SAP-Experte in einem Projekt mit - und erhielt das Angebot, in Festanstellung bei dem Unternehmen einzusteigen. Die Vorzüge: Weiterbildungen werden bezahlt, es gibt 30 Tage Urlaub im Jahr - und Ruppe kann seine umfassende Berufserfahrung einbringen.

"Mein Erfahrungsschatz wird von den Kollegen akzeptiert", sagt Ruppe. "Ich hatte nie den Eindruck, ich müsste mich erst beweisen." Noch bis vor wenigen Jahren machten Hochschulabsolventen bei Accenture mit rund 80 Prozent die mit Abstand größte Gruppe der Neueinsteiger aus. Heute ist das Verhältnis von Absolventen und Mitarbeitern mit Berufserfahrung nahezu ausgeglichen.

Dass ein Fachmann wie Stefan Ruppe begehrt ist, auch wenn er die 50 schon längst überschritten hat und damit zu anderen Zeiten zum "alten Eisen" gezählt worden wäre, hat auch mit dem immer stärker um sich greifenden Fachkräftemangel zu tun: 39'000 offene Stellen meldete der Hightech-Verband Bitkom Ende vergangenen Jahres alleine für die IT-Branche.

"Der Fachkräftemangel ist ein strukturelles Problem", erklärte Verbandspräsident Dieter Kempf. "Er besteht dauerhaft und weitgehend unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung." Daher haben auch Menschen fernab von der Generation der sogenannten "Digital Natives" mittlerweile gute Chancen, im Beruf noch einmal durchzustarten.

Gerade was Finanzprozesse betrifft, sieht Accenture-Berater Ruppe Bedarf an erfahrenen Fachleuten. "Das Finanzwesen ist das Kernthema, das alle Bereiche eines Unternehmens umfasst, von der Bestellung von Artikeln über das Controlling bis hin zur Produktion muss die Software fast jeden Winkel der Unternehmensprozesse mit berücksichtigen", sagt der SAP-Experte.

"Hier brauchen Unternehmen Experten, die den gesamten Prozess verstehen." Wenn Mitarbeiter lediglich einen Teil des Unternehmens kennen, reichen die Praxiskenntnisse oft nicht aus, um komplexe Projekte erfolgreich zu Ende zu führen. "Der Blick aufs große Ganze ist unglaublich wichtig", so Ruppe.

Erfahrung ist Trumpf - und manch einer macht aus dieser Erkenntnis sogar ein Geschäftsmodell: Das vor vier Jahren an den Start gegangene Online-Jobportal Acumeo etwa richtet sich explizit an "Best Ager" mit mindestens 20 Jahren Berufserfahrung auf dem Buckel. Unternehmen auf Expertensuche und Arbeitnehmer auf der Suche nach neuen Herausforderungen sollen hier zusammenfinden.

"Erfahrung erhält auf dem Arbeitsmarkt einen neuen Stellenwert. Unternehmen aus allen Branchen, die Vakanzen projektweise oder mit einer Festanstellung besetzen wollen, wissen heute mehr denn je, dass sie von berufserfahrenen, potenziellen Kollegen profitieren können", sagt Acumeo-Gesellschafter Michael Warsönke.

"Unsere Mitglieder haben jeweils mehr als 20 Jahre Berufserfahrung und eine gute Ausbildung. Damit sind sie für viele Auftraggeber überaus interessant." Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung geht das Jobportal von einem enormen Nachfrageanstieg bei Unternehmen und Arbeitnehmern in den nächsten Jahren aus.

Probleme beim Einstieg in den neuen Job hatte Ruppe jedenfalls kaum: "Der Umgang unter den Kollegen bei Accenture ist super. Ich habe großen Spass bei der Arbeit." Einzig die Orientierung im Großunternehmen stellte ihn anfangs vor Herausforderungen. "Der Formalismus, die administrativen Aufgaben und das Bewältigen der Datenflut waren anfangs nicht leicht", erinnert sich Ruppe.

"Außerdem musste ich mir erst ein Netzwerk aufbauen und Leute kennenlernen." Inhaltlich musste er sich zwar schnell in neuen Branchen zurechtfinden und sich entsprechend einarbeiten. Doch auch hier half dem 55-Jährigen seine umfassende Berufserfahrung: "Wenn Sie einmal die Prozesse im Unternehmen verinnerlicht haben, können Sie mit jeder neuen Technologie umgehen."

Dabei habe aber nicht jede neue Technik ihren Segen: Beim Thema Social Media etwa sei er zurückhaltender als jüngere Kollegen, vor allem aufgrund der Nutzung der personenbezogenen Daten. Bei Team-Events mit jüngeren Kollegen wie etwa Kart-Fahren ist Ruppe selbstverständlich mit von der Partie.

Anschliessend noch um die Häuser zu ziehen, das ist aber nicht sein Ding - und dafür würden die Kollegen auch Verständnis aufbringen, sagt Ruppe. "Ich stehe zu meiner Generation", betont er. Und er fährt nicht schlecht damit.