LEBEN

Weshalb es Grossmütter braucht

Unbezahlbar: die Liebe der Grossmutter.

Eigentlich könnten Frauen im Oma-Alter auf den Egotrip gehen. Stattdessen werden sie zur Lieblingsperson der Enkel. Die Gründe dafür sind auch in der Evolution zu finden, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Die Grossmutter-Hypothese verführt Menschen in allen Lebensaltern zuverlässig zu lustigen Gesprächen. Mit Männern, die Enkel haben, und auch mit Grossmüttern väterlicherseits entstehen sogar eigentlich und vollautomatisch immer ernsthafte Streitgespräche.

Bitte sehr: Fast alle Säugetiere sterben relativ bald nach dem Ende ihrer Reproduktionsfähigkeit. Nur Menschenfrauen, weibliche Grindwale und afrikanische Elefantenkühe tun das nicht. Sie haben Wechseljahre, Menopause und leben dann noch sehr, sehr lange weiter, obwohl sie sich nicht mehr fortpflanzen können.

Das ist erstaunlich, weil sich in der Evolutionsgeschichte ja immer alles ausschliesslich um das Weitergeben der eigenen Gene dreht, um Fortpflanzungserfolg also. Die Natur dürfte ­eigentlich an älteren, unfruchtbaren Menschenfrauen, Grindwalweibchen und Elefanten­kühen kein bisschen interessiert sein.

Überwältigend starke Grossmuttergefühle

Ist sie aber, ist sie sogar sehr, und zwar gerade weil es um das erfolgreiche Weitergeben des Genoms geht. Nicht mehr zur Fortpflanzung fähige weibliche Menschen, Grindwale und Elefanten hatten in der Evolutionsgeschichte offenbar einen entscheidenden positiven Effekt auf die Überlebensrate ihrer Enkel. Die sind ja noch nicht selbstständig lebensfähig, wenn sie geboren werden: Nachkommen, um die sich eine Grossmutter kümmerte, sie beschützte und Nahrung für sie sammelte, waren besonders fit, kräftig und damit überlebensfähig.

Für das Durchreichen der Gene war es also vorteilhaft, dass Frauen von einem gewissen Alter an das Überleben der Enkel sicherten, anstatt sich selbst weiter fortzupflanzen. Seitdem der Evolutionsbiologe William Hamilton die Grossmutter-Hypothese im Jahr 1966 aufgestellt hat, wird sie in immer neuen Untersuchungen, Feldstudien und stochastischen Modellen bestätigt und gilt inzwischen als unumstritten.

Sie erklärt, warum Grossmuttergefühle so archaisch und überwältigend stark sind. Die Betroffenen, die eigentlich längst im Egotrip-Alter sind, lassen sich zu selbstlosen Zeitaufwendungen und Dienstleistungen hinreissen. Erwachsene Frauen mutieren kurz vor ihrem verdienten Jetzt-mache-ich-nur-noch-was-ich-will-Lebensabschnitt plötzlich und zuverlässig zu Animateurinnen, Kulturvermittlerinnen, Kita-und-Musikschul-Chauffeurinnen, zu geheimen Verbündeten und Ratgeberinnen.

Die Grossmütter heute sind jung, obwohl sie bei der Geburt der Enkel meistens älter sind als früher. Sie sind nicht weisshaarig mit Knoten, runzelig und fast unsichtbar, ausser für die Augen der Enkel. Im Gegenteil: Sie ernähren sich gut, gehen zum Fitness­training, sind Schlupflid- oder sonst-noch-was-operiert, experimentieren mit Botox und jungen Liebhabern.

Vielerorts sind Omas mit Kinderwagen und Soy-Latte-Bechern unterwegs, die es gewohnt sind, für die Mutter gehalten zu werden.

Gilt nur für Gross­­mütter mütterlicherseits

Die Babyboomer, die jetzt Grossmütter werden, bilden eine enorm starke Bevölkerungsgruppe, weswegen es für sie auch jede Menge Gross­eltern-Magazine gibt und Opa-Oma-Kind-­Pauschalen in den Ferienclubs. Fast ein Zehntel der Grosseltern-Rente in Deutschland fliesst an Kinder und Enkel. Deswegen werden so ­viele Studien zur Grosseltern-Forschung von der ­Gesellschaft für Konsumforschung bezahlt.

Und deswegen geht ein erfolgreicher Enkelwitz auch so: "Omi ...!?" - "Ja, mein Kind?" - "Kannst du bitte mal eben für mich die Augen zu­machen?" - "Gerne, warum?" - "Papa hat gesagt: Wenn Omi eines Tages die Augen schliesst, sind unsere Geldsorgen für immer vorbei."

Spannend an der  Grossmutter-Hypothese ist, dass sie nur für Gross­­mütter mütterlicherseits gilt, weswegen es in vielen Sprachen der Welt auch unterschiedliche Bezeichnungen für die Grossmutter mütter­licherseits - im Schwedischen zum Beispiel "mormor" - und väterlicherseits - "farmor" - gibt.

Der Evolutionsphilosoph Eckart Voland hat diese Einschränkung der Grossmutter-Hypothese eher zufällig gefunden: Kirchenregister aus dem ostfriesischen Krummhörn vor 1874 und dem Cambridge des 18. Jahrhunderts sowie Statistiken aus dem heutigen Äthiopien, aus Kanada, Japan, Gambia und Malawi belegen, dass die Grossmutter-Hypothese auf die Grossmutter väterlicherseits nicht nur nicht zutrifft, sondern ganz im Gegenteil: Die Anwesenheit der Grossmutter väterlicherseits war und ist in diesen ­Regionen ein statistischer Risikofaktor, besonders für männliche Kinder.

Erklärt wird das ­damit, dass nur Grossmütter mütterlicherseits zu 100 Prozent sicher sein können, dass die ­Kinder auch tatsächlich ihre genetischen Enkel sind. Der Kasseler Evolutionsbiologe Harald ­Euler hat seit 1995 circa 4000 Familien befragt und herausgefunden: Auch heute noch kümmern sich Grossmütter mütterlicherseits mehr um die Enkel als die Mutter des Vaters. Statistisch betrachtet natürlich nur!

Die Evolution kennt keine Gross­väter

Und was ist mit den Grossvätern? Nun, die Evolution kennt gar keine Gross­väter, nur Väter. Männer können bis ins hohe Alter ­Vater werden, weswegen auch die meisten Opas, die Kinderwagen ­schieben, die Väter sind.

Der Rest ist Dressat und Kulturgeschichte: Männer können also selbstver­ständlich wunderbare Grossväter sein. Männer können es trotz ihrer ewigen Zeugungsdisposition toll finden, wenn Enkel unterwegs sind. Das Einzige, was Männer evolutionsbedingt am Grossvaterwerden nach wie vor erschreckt, ist der Gedanke, dass sie von jetzt an jeden Tag mit einer Oma im Bett aufwachen müssen.

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